© Cash; 2001-12-14; Seite 53; Nummer 50
E-People
Ein Portal für alle Trauerfälle
Mitten in der Dotcom-Krise wagt ein Unternehmensberater einen mutigen Schritt: Seine Website bietet Hilfe für alle Probleme nach einem Todesfall - kostenlos.
von Carmen Gasser
Das Leben im 3. Jahrtausend ist äusserst bequem: Alle Begehrlichkeiten und Wünsche kann der moderne Mensch im weltweiten Netz abdecken. Sei es die gähnende Leere im Kühlschrank, im Herzen oder im Portemonnaie - für alles findet sich der passende Link. Seit Frühling dieses Jahres sogar zum Sterben - gibt es doch im Internet auch eine auf Todesfälle spezialisierte Site: Mortalino.ch. Hinterbliebene finden auf diesem Portal alles, was das trauernde Herz braucht: Anleitungen zum formalen Vorgehen bei einem Todesfall, kostenlose Ratschläge, und auch die Anleitungen zur persönlichen Vorsorge fehlen nicht.
Was nützlich ist für den weitsichtigen künftigen Erblasser und die trauernden Angehörigen, muss aber nicht zwangsweise auch einträglich für den Portalbetreiber sein. Ein Sterbeportal in Zeiten des Portal-Sterbens könnte durchaus zur Grenzerfahrung für den Pionier werden.
Von einem finanziellen Fiasko seines Portals will der Gründer von Mortalino, Michael Federspiel, nichts wissen. Im Gegenteil, der selbständige Unternehmensberater ist überzeugt, ein krisenfestes Geschäft entdeckt zu haben. Der unerschütterliche Glaube ans eigene Projekt scheint eine Berufskrankheit der Unternehmensberater zu sein. Auffallend viele seiner Berufskollegen hatten im Dotcom-Hype ein vermeintlich grandioses Start-up gegründet, bei dem wenig später der Konkursverwalter anklopfte.
Federspiel kramt einen Riesenstapel Folien hervor und setzt an, den Informationsberg wortreich abzutragen. Nur die rasch gestellte Frage nach dem Ursprung seiner Geschäftsidee lässt ihn von seinem Vorhaben absehen. «Der Tod des Bekannten eines Freundes brachte mich darauf», erinnert er sich. «Alle waren absolut unvorbereitet, und wir konnten erst nach längerem Suchen im Internet und in Bibliotheken zufrieden stellende Informationen finden. Daraufhin erarbeitete ich ein halbes Jahr lang ein Konzept für eine Internetseite und gründete die Mortalino AG.»
Geschäfte mit dem Tod? Ist das nicht pietätlos? - Den Einwand scheint der Diplomierte Betriebsingenieur ETH schon öfter gehört zu haben, denn er kontert sofort. «Unsere Dienstleistungen sind für den Endkunden gratis. Ausserdem arbeiten viele Firmen in diesem Gewerbe. Steinmetze, Notare oder Bestattungsinstitute werden auch als notwendig und nicht als pietätlos angesehen.» Er wühlt schon wieder in seinem Blätterstapel. Eilends erkundige ich mich, wovon Mortalino denn lebt. Zehn Folien später eröffnet mir Federspiel, dass die Einschreibegebühren von Unternehmen auf den «Schwarzen Seiten» (analog den Gelben Seiten) eine der Haupteinnahmequellen darstellen. Gerade viele, werfe ich ein, sind dort aber noch nicht aufgelistet. Der wunde Punkt. Federspiel verzieht das Gesicht und nickt. «Ich muss zugeben, dass die Branche in Sachen Internet noch sehr träge ist und es mehr Überzeugung und Zeit bedarf als angenommen.»
Langsam wird klar - obwohl der Mortalino-Chef keine exakten Beträge nennt -, dass es mit Zahlen nicht weit her ist. Die laufenden Einnahmen decken die Investitionskosten von etwa 350'000 Franken nicht. «Nächstes Jahr soll es aber so weit sein», beeilt sich Federspiel zu betonen. «Immerhin haben wir keine hohen Lohnkosten», gibt er selbst die Erklärung dafür: Er betreibt Mortalino gemeinsam mit seinem Finanzchef.
Damit der Rubel doch noch ins Rollen kommt, will Federspiel demnächst richtig expandieren. Ins deutschsprachige Ausland am besten, ob allein oder mit Partnern, ist noch offen. Ein Investorenlink wurde schon mal vorsorglich auf der Site platziert, scheint jedoch noch wenig Wirkung gezeigt zu haben. Bis sein Prestige- und Studienobjekt auch zum lukrativen Geschäft wird, will Federspiel weiterhin KMU und Start-ups beraten. Die Unterlagen dazu hat er ja schon.
Michael Federspiel, Gründer der Website Mortalino, will seine Geschäftsidee demnächst ins benachbarte Ausland exportieren.
www.mortalino.ch
Das Internetportal für Todesfälle, Mortalino, wurde im Frühjahr
2001 lanciert. Der Name «Mortalino» stammt aus dem Lateinischen:
mors, mortis, für Tod. Mortalino bietet gratis Informationen rund um das
Thema Todesfall für Angehörige, Trauergäste und Personen, welche
für den eigenen Todesfall vorsorgen. Durch eine kürzlich beschlossene
Kooperation mit dem Portal «Schrittweise.ch», findet sich auch eine
Hotline zur psychologischen Unterstützung von Angehörigen und Trauernden.
Die Investitionskosten des Portals belaufen sich laut Angaben des Gründers
Michael Federspiel auf rund 350'000 Franken. Der Break-even soll im Laufe des
nächsten Jahres erreicht werden. Die Einnahmen setzen sich zusammen aus
Einschreibegebühren von Dienstleistern in den «Schwarzen Seiten»,
Produktekommissionen und den Beiträgen für Werbebanner. Hauptberuflich
betreibt Federspiel eine eigene Unternehmensberatungsfirma.