von Isabelle Meier, Koni Rohner
240 S., broschiert
2. Auflage, Mai 1998
Beobachter-Buchverlag
ISBN: 3-85569-124-X
Wann soll man therapeutische Hilfe suchen?
Wenn man eigene neurotische Einschränkungen erkannt hat;
wenn man nicht mehr gewillt ist, damit zu leben;
wenn man sich in den immer gleichen Mustern gefangen fühlt;
wenn man unter seelischen Störungen leidet, Kinder hat und diese nicht
belasten will;
wenn man alle Energie verloren und keine Freude mehr am Leben hat;
wenn man befürchtet, mit seinen neurotischen Mustern die Partnerschaft
zu belasten oder zu zerstören;
wenn man sich zunehmend isoliert fühlt und immer mehr Kontaktschwierigkeiten
zu andern Menschen hat;
wenn man nicht mehr arbeitsfähig ist und das Leben nicht mehr geniessen
kann;
wenn man Angst hat, sich selbst oder andern etwas anzutun:
dann sollte man therapeutische Hilfe suchen.
Eine Psychotherapie macht aber nur Sinn, wenn man wirklich dafür motiviert ist. Sie funktioniert nicht, wenn man hingeht, weil es ja nicht schaden kann, oder weil man wissen will, wie denn so etwas läuft. Es bringt auch nichts, wenn man es tut, weil es der Partner oder die Partnerin will. Im Grunde genommen ist es eine persönliche Entscheidung, ob man eine seelische Störung alleine ertragen will oder ob man sich Hilfe gönnt. Neurosen können sich auch auswachsen. Vielleicht verschwinden sie durch eine Veränderung der Lebensumstände oder durch eine persönliche Reifung, die ohne Therapeut oder Therapeutin zustande gekommen ist.
Und natürlich gibt es auch sehr viel Leid im Leben, das nicht neurotisch ist. Freud hat zwischen dem gewöhnlichen und dem neurotischen Elend unterschieden. Ersteres lässt sich mit Psychotherapie nicht beseitigen. Widrige Lebensumstände, Krankheiten, Behinderungen oder der Tod geliebter Menschen sind Dinge, die wir einfach erleiden müssen. Psychotherapie ist also kein Wundermittel, das ein Leben ohne Schmerzen ermöglicht.
Therapie bedeutet Erkenntnis
Verhaltenstherapeuten verstehen Psychotherapie als Umlernen, und Systemtherapeuten
versuchen, Familienstrukturen zu erkennen und zu verändern. In den meisten
anderen Therapierichtungen stehen aber Erkenntnisprozesse im Zentrum.
Therapeutinnen und Therapeuten mit dieser Grundhaltung gehen davon aus, dass die neurotischen Symptome einen Sinn haben und den Leidenden etwas zeigen können. Es geht in der Therapie darum, Gefühle und Konflikte zu erleben, die bisher unbewusst waren und das seelische Leben gestört haben. Die verstandes- und gefühlsmässige Wahrnehmung führt zur Auflösung der Symptome und zur Reifung und Stärkung der Persönlichkeit. Die Seele wird nun mit den Gefühlen und den Belastungen des Lebens leichter fertig.
Die Psychoanalyse und die Therapien der humanistischen Psychologie beruhen auf diesem Modell. Auch ich orientiere mich in meiner eigenen Arbeit als Therapeut, als Beobachterkolumnist und als Verfasser dieses Kapitels daran. Dahinter steckt natürlich meine persönliche Überzeugung, dass das menschliche Leben mitsamt allem Leiden einen Sinn hat. Den Sinn nämlich, sich selber zu vervollkommnen, aus den Fehlern und Störungen zu lernen und so ein wenig liebevoller, mitfühlender, gelassener oder sogar weiser zu werden.
Neurose ist eine Art von teilweiser Blindheit. Man kommt wegen seiner blinden Flecken nicht weiter. Psychotherapie ist deshalb im Kern eine begleitete Wahrnehmungserweiterung. Mit dem Verstand und dem Gefühl erkennt man sich selber immer besser. Man sieht seine Stärken und Schwächen und beginnt, sich selber gern zu haben.
Das ist möglich, weil man sich in der Therapiestunde in einem sicheren und geschützen Raum befindet. Man sitzt einem Menschen gegenüber, der nichts anderes will, als einem zuzuhören und einen zu verstehen. Das gibt es im täglichen Leben kaum. Diese spezielle Situation bringt gleich zu Beginn eine grosse Erleichterung und ermöglicht langfristig den therapeutischen Prozess.
Nach einer geglückten Therapie sind die Klienten nicht anders, sie haben
sich nicht völlig verändert, aber sie sind mehr sich selbst. Mir kommt
es immer so vor, als ob sie die Hülle ihres Körpers jetzt stärker
ausfüllen würden. Natürlich äussert sich dies subjektiv
als grössere Lebendigkeit, als grössere innere Sicherheit und als
stärkeres Selbstbewusstsein.