Milan Kunderas Roman «Die Unwissenheit»
Als Stendhal die Liebe zu erkunden suchte und nicht ohne Verdruss ihren vielen
Geheimnissen nachsann, war er ein Verletzter. Er wusste, dass es ihm niemals
gelingen würde, die eigenen Wunden zu übersehen oder gar zu vergessen,
um dafür vorzustossen ins Reich der reinen Analyse. «De l'amour»,
der grosse, nach manchen Themen auswuchernde Essay, lieferte ein Bild innerer
Zerfahrenheit, und das Ergebnis konnte es nur noch einmal bestätigen: hier
die Stimme der Vernunft - wir begreifen schon, warum wir leiden; dort aber ein
Flüstern und Flehen, ein Raunen bis zum Dröhnen - am Ende obsiegt
die Passion, der Trieb. - Oder eher eine unermessliche und alltägliche
Müdigkeit? [mehr...]
Per Olov Enquists Roman «Der Besuch des Leibarztes»
Das marode dänische Königreich im Ausgang des Ancien Régime;
ein halb schwachsinniger junger Regent in der Hand eines deutschen Leibarztes
und Aufklärers, der seine revolutionären Ideale per Dekret durchpeitscht
und obendrein als Geliebter der Königin ein Kind zeugt; Widerstand von
Adel und Volk; Putsch, Folter, Hinrichtung.[mehr...]
Wilfried Ohms Erzählung «Abschied vom Spiegelbild»
Es beginnt mit einem Blitz: Die Nachricht vom Selbstmord des Zwillingsbruders
durchzuckt die Augen, das Innerste des Erzählers. Der Stromstoss, nicht
tödlich, setzt Erinnerung in Gang. Sie dient auch der Abwehr: So ist der
Bruder nicht tot. Aber vor allem macht sie wehrlos, setzt den Erzähler
aus: Vom Ende des Bruders reden heisst von sich selber reden. Zwillinge werden
zusammen geboren. Weshalb ist ihnen nicht auch der Tod gemeinsam? [mehr...]
Geld ist das grosse Thema der Literatur
Aus einem von biblischen Zinsverboten gespeisten Affekt wuchs langsam, aber
sicher die Einsicht in die geistreichen und innovatorischen Dimensionen des
Kapitalverkehrs. Geld ist, neben der Liebe und dem Tod, eines der Zentralthemen
der erzählenden Literatur - auch der aktuellen Neuerscheinungen. [mehr...]