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Tante Rosi feiert ihren 90. Geburtstag. Eine muntere Person, charmant, lebenserfahren, witzig. Wir sehen ein paar Fotos aus ihrer Jugend, ihrem langen Leben. Dann liegt sie im Spitalbett. Noch atmet sie, doch man ahnt: Ihr Leben geht zu Ende. Rosi stirbt einen ganz normalen, unspektakulären, alltäglichen Tod. Auf dem letzten Foto hat die Krankenschwester der Toten den Kiefer hochgebunden.
Filmemacher Joseph Scheidegger hat seine Tante Rosi, die mit 97 Jahren starb, über die Jahre immer wieder fotografiert und gefilmt - aus privatem Interesse, sagt er, nicht zur Veröffentlichung bestimmt, als eine Art Hommage an eine Person, "der ich sehr viel in meinem Leben verdanke".
Scheideggers einfache, starke Bilder der sterbenden Rosi berühren. Sie sind nicht ohne Schrecken - und gleichzeitig schön, weil authentisch. Der fünfminütige Kurzfilm "Tante Rosi" gehört zu den bewegendsten Erlebnissen, die uns die Ausstellung "Last minute" in Lenzburg vermittelt. "Last minute" handelt vom Sterben und vom Tod.
Last minute. Ein hintergründiger Titel, der schnelllebigen Ferien-und Freizeitgesellschaft entlehnt. Früher sprach man immerhin von der letzten Stunde, die jemandem geschlagen habe, vom "letzten Stündlein" gar, ein Diminutivchen, das die ganze verbale Verlogenheit im Umgang mit dem Tod entlarvt.
Zwar ist allen bekannt, dass der Tod unabdingbar zum Leben gehört, dessen Besonderheit und Einmaligkeit erst ausmacht. Doch als tägliche, unmittelbare Realität ist uns der Tod abhanden gekommen. Tote begegnen uns nur noch als echte, aber anonyme Leichen in den TV-News oder als namentlich bekannte, aber fiktive im Krimi.

Der Schmerz wird immer seltener hinter wohlfeilen Floskeln versteckt

Wir haben das Sterben buchstäblich delegiert. Ganze Branchen stehen bereit, uns den praktischen Umgang mit dem Tod abzunehmen. Die Begleitung der Sterbenden, die Organisation von Abschied und Bestattung, der Umgang mit Trauer und Verlust, die Sinnfrage - alles überlassen wir den Fachleuten. Pflegerin, Pfarrer und Pathologe, Spitalseelsorgerin und Trauerbegleiterin, Bestatter, Kremateur und Mortalitätsstatistiker berichten in der Ausstellung im Originalton von ihrer Arbeit. "Last minute"-Projektleiter Beat Hächler spricht sarkastisch vom "Outsourcing" des Todes, seiner bewussten Auslagerung.
Diese Entwicklung ist eng bedingt durch den Wandel von Wirtschaft und Lebensform. "Die Frage nach dem Umgang mit dem Tod stellt radikal die Frage nach dem Umgang mit dem Leben", postuliert die Lenzburger Ausstellung. "In der Sterbekultur spiegeln sich die bestimmenden Werte und Normen unserer Gesellschaft am Ende des 20. Jahrhunderts."
Das ist ein viel versprechender Ansatz - zumal in einer Zeit, in der sich eine zunehmende Zahl von Menschen der Tabuisierung von Tod und Trauer zu verweigern beginnt. Bei unserem unterkühlten, distanzierten Umgang mit den Fragen von Sein oder Nichtsein kommt das Bedürfnis nach Mitfühlen und Verstehen hoffnungslos zu kurz. In den Todesanzeigen ist mit steigender Dringlichkeit nachzulesen, dass viele Todkranke und Hinterbliebene ihren Schmerz nicht mehr hinter wohlfeilen Klischees und Floskeln verbergen mögen.
Ganz im Gegensatz zur stereotypen Behauptung in Todesanzeigen, Gott dem Herrn habe es gefallen, einen eben Verstorbenen zu sich zu rufen, schrieb Kurt Marti, Pfarrer und Schriftsteller in Bern, schon 1969 in seinem ungewöhnlichen Gedichtband "Leichenreden": "dem herrn unserem gott / hat es ganz und gar nicht gefallen / dass gustav e. lips / durch einen verkehrsunfall starb."
Vielen Kranken, die ihre Angst vor dem Tod in intensiver Trauerarbeit überwunden haben, liegt an einem offenen Umgang mit der Tatsache ihres Hinschiedes. "Ich, Thierry Bettex, geb. 1. 8. 1961", teilte der 34-jährige Flight Attendant der Swissair am 30. April 1996 der Öffentlichkeit lakonisch mit, "bin am 25. April 1996 an den Folgen der Krankheit Aids gestorben."
Immer weniger Menschen verlangt umgekehrt nach einer ewigen Ruhestätte. Sie wünschen sich, dass gute Freunde ihre Asche in den Bergen oder im Wald begraben, in den Wind streuen oder den Wellen übergeben - an einem Ort, an dem die Verstorbenen einst gute Gefühle empfanden.
So viel Aufgeklärtheit und Autonomie in existenziellen Fragen wecken Hoffnung auf einen reiferen Umgang mit dem Faktum des Todes. So ist denn "Last minute" beileibe keine traurige Ausstellung geworden, schon gar keine deprimierende. "Bei der Vorbereitung gab es mitunter Tränen, aber wir haben auch sehr viel gelacht", sagt Sibylle Lichtensteiger vom Ausstellungsteam Stapferhaus, das uns mit "A walk on the wild side", einer Inszenierung über die Jugendkulturen, und "Anne Frank und wir" schon zwei Aufsehen erregende Ausstellungen beschert hat.

Auch für Tote gelten die Gesetze der freien Marktwirtschaft

Auch die Besucher werden von starken Emotionen nicht verschont bleiben. Bei diesem Thema kommen Erinnerungen hoch, da melden sich Ängste, Abwehr stellt sich ein. Es geht um Leben und Tod, um "die letzten Fragen", und die sind nicht alle so einfach zu beantworten wie die nach der reibungslosen Organisation von Tod und Trauer: Erdbestattung oder Kremation? Sarg oder Urne? Und was kostet das alles? Auch für die Toten gilt, wie für die Lebenden, die freie Marktwirtschaft.
Auf einer Tartanbahn haben wir den Saal betreten, links von uns tickt die Lebensuhr - und plötzlich stehen wir vor einem Spiegel, vor uns selbst. Doch die Ausstellungsmacher haben sich nicht in die Abstraktion geflüchtet, wissen auch Schönfärberei, Pietätlosigkeit und Voyeurismus geschickt zu vermeiden. Die Ausstellung samt ihrem überzeugenden grafischen Auftritt präsentiert sich gescheit, gepflegt und geschmacksicher und hat eine deutlich aufklärerische Tendenz.
Den Umgang mit Sterben und Tod kann man lernen. Jahrelang habe er "um jeden Friedhof einen grossen Bogen gemacht", sagt Regisseur Joseph Scheidegger, der den Ausstellungsmachern seinen kurzen, aber wichtigen Film über "Tante Rosi" überlassen hat. Die Realität ihres Sterbens habe ihn zu einer vertieften Beschäftigung mit der Endlichkeit des Lebens geführt. "Ich bin jetzt siebzig", sagt er. "Da will man selber hinschauen und sehen, was auf einen zukommt." Je bewusster ihm die Unausweichlichkeit des Todes werde, um so intensiver empfinde er jeden Moment des Lebens.

Max Frisch hatte aus seinem nahen Tod nie ein Mysterium gemacht

Als Schriftband läuft in der Ausstellung Max Frischs hintergründiger "Fragebogen" zu Sterben und Tod aus seinem "Tagebuch 1966-1971" - raffinierte Fragen, deren Beantwortung nach neuen Fragen ruft, nach Gespräch und Auseinandersetzung verlangt. Frisch selber, der 1991 starb, hatte die letzten Jahre im Wissen um seinen nahenden Tod gelebt und dieses Wissen weder verheimlicht noch mystifiziert - auch darin couragiert, unbestechlich und geradlinig.
Der Tod zu Lenzburg. Kinder haben ihn gezeichnet, Schülerinnen und Schüler beschrieben. Studenten der Kunstgewerbeschule Luzern haben Jenseitsvorstellungen gestaltet, die man anklicken kann: Ein Motiv zeigt das Piktogramm einer Rolltreppe, die in den Himmel führt, ein anderes Seelen, die die körperlichen Hüllen verlassen haben und sich tänzerisch entfernen, und ein drittes - nichts, einfach nichts.
"Was kommt nach dem Tod?", fragt Kurt Marti in seinen "Leichenreden". Und gibt gleich selber die Antwort: "nach dem tod / kommen die rechnungen / für sarg begräbnis und grab."

Das Jenseits ist abrufbar: Transparente Ewigkeitsvorstellungen von Luzerner Kunstgewerbestudenten

Schattenreich: Eingang der Ausstellung, starke Bilder des ganz normalen, unspektakulären Todes von Joseph Scheideggers "Tante Rosi" FOTOS: JOSEPH SCHEIDEGGER (2)
Fortsetzung auf Seite 119
Fortsetzung von Seite 117.
(c) 1999 Sonntags Zeitung.
Quelle: SONNTAGS ZEITUNG 24/10/1999