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Vorbei die Zeiten des Deckel-drauf-und-ab-in-die-Erde. Heute wird der Tod als Abschieds-Happening zelebriert

Von STEPHANIE RIEDI UND KARIN OEHMIGEN.

Das Ritual hat in der ersten Vollmondnacht nach seinem Ableben zu erfolgen. "Sieben nackte Jungfrauen", verfügt der Schweizer Schriftsteller Gion Mathias Cavelty, müssten vor seinem Grab Aufstellung nehmen und folgende Zeile deklamieren: "IA, IA! ZI AZAK! CAVELTY ZI KUR! IA!" Und flugs werde er wieder auferstehen.
Action, auch bei der allerletzten Party, ist im Zeitalter des Individualismus immer mehr gefragt. Schliesslich ist das Sterben "die schlimmste Kränkung des selbstverliebten Menschen", wie der Psychoanalytiker Rudolf Olivieri-Larsson sagt. Sein narzisstischer Teil könne die definitive Endlichkeit fast nicht akzeptieren. Da ist die Aussicht, in einem Sarg zu vermodern, "ausgesprochen unattraktiv", ebenso wie das schlichte Begräbnis am normierten Erdloch.
Entsprechend blüht das Geschäft mit alternativen Bestattungen. Hatte der Thurgauer Ueli Sauter vor fünf Jahren noch Mühe, die Behörden für sein Projekt Friedwald - die Asche der Toten wird unter einem Baum begraben - zu überzeugen, plant er heute in der Schweiz über 100 dieser Anlagen. 1999 interessierten sich mehr als 800 Personen für einen Platz, um mit der Natur eins zu werden. Auch Celestis, ein amerikanisches Unternehmen, das die Asche von Verstorbenen via Rakete in den Kosmos schiesst, reüssiert. Und die Designer Markus Schaer, Thomas Schaer und Markus Senn waren mit "Ball of Life", einer edel gestylten Urne für die Bestattung im schicken Loft, die Stars an der Eternity 2000, dem Fachkongress zum Umgang mit Tod und Trauer.
Der Friedhof als letzte Ruhestätte hat an Attraktivität verloren. Die Gräber sind kleiner geworden, von der Bepflanzung bis zur Beschriftung ist alles durchbürokratisiert. Selbst Reiche können sich keine glamourösen Mausoleen mehr errichten lassen, um sich vom Fussvolk abzuheben. In vielen Gemeinden dürfen die Särge nicht länger als 180 Zentimeter sein. Da fragt sich auch der Unbedarfte, was mit jenen geschieht, die gegen zwei Meter hoch gewachsen sind. "Beim Blick ins städtische Friedhofsreglement kommt man nicht um die Frage herum, ob diese genormte Kultur nicht neu überdacht werden müsste", sagt denn auch Hansjörg Kaufmann, Präsident des Kremationsvereins Luzern.
Doch könnte uns noch Schlimmeres blühen. In Grossbritannien herrscht auf den Friedhöfen derart akuter Platzmangel, dass man schon daran denkt, die Verstorbenen in ihren Särgen aufrecht zu versenken. Da werden die Toten zum Sondermüll.
Auch die Kirchen haben versagt. Ob katholisch oder reformiert - es ist ihnen nicht gelungen, die Abkehr vom christlichen Begräbnis aufzuhalten. Ihr Exklusivrecht auf den Tod haben sie verloren. Immer mehr Gläubige kehren ihrer Konfession den Rücken. 1980 gab rund eine viertel Million Schweizer an, keiner der grossen Kirchen anzugehören. Zehn Jahre später war es bereits eine halbe Million, und unterdessen wird es "eine ganze sein", wie Alfred Dubach, Leiter des pastoralsoziologischen Instituts in St. Gallen, schätzt.

Alternativunternehmen übernehmen die Aufgaben der Kirche

Die Kompetenz bei Bestattung und Trauerbegleitung der Hinterbliebenen war bis anhin für viele ein Grund, der Kirche treu zu bleiben. Doch hat sich auch diese Situation verändert. Kaum ein Pfarrer in den Städten kennt seine Schäfchen noch persönlich, und so verkommt das einst auf den Dörfern gepflegte, familiäre Abschiednehmen zur Deckel-drauf-und-ab-in-die-Erde-Abfertigung.
Wo die Kirche die Bedürfnisse der Menschen aus den Augen verliert, entdecken Alternativunternehmen Marktlücken. Schliesslich sind die 60 000 Bestattungen, die alljährlich hier zu Lande vollzogen werden, ein todsicheres Geschäft. Bereits für 1000 der 60 000 wird eine unkonventionell-unkirchliche Zeremonie gewählt. Abschiedshappenings mit Pop-Musik (siehe Hitparade) sind längst keine Seltenheit mehr. Ein Trend weg von der Konfektionsbeerdigung, den auch Psychologen als positiv einschätzen. Nicht Pfarrer oder Beerdigungsinstitut, sondern Freunde und Verwandte "denken sich intensiv in den Verstorbenen hinein", sagt Verena Kast, Professorin für Psychologie an der Universität Zürich.

Die Bürger sind mündiger geworden im Umgang mit dem Tod. Viele verfügen schon zu Lebzeiten, was mit ihren Überresten - immerhin sind es rund drei Kilo Menschmaterie, die nach der Kremierung verbleiben - zu geschehen hat. Schriftsteller Niklaus Meienberg zum Beispiel gab, bevor er freiwillig aus dem Leben schied, exakte Anweisungen: "Meine Asche im Oberlauf der Seine. Kein Grabstein. Nirgendwo." Und die Modedesignerin Christa de Carouge hat längst ihr Memento mori formuliert: "Meinen Körper soll man kremieren und die Asche in den Bergen verstreuen." Anschliessend gibt es für die Anwesenden ein rustikales Picknick mit feinem Wein.
Zum Glück ist die Schweiz in Asche-Fragen liberal. Man kann den Staub ebenso in Flussläufe streuen wie im cineastischen Schmachtfetzen "Die Brücken am Fluss" oder ihn als Glücksbringer in der Erdnussbüchse mit sich herumtragen. Kommt hinzu, dass sich die Kosten mit einer Alternativbestattung erheblich senken lassen. Am billigsten ist es in Zürich, wo die Leihurne, mit der man die Asche zum Happening oder auch heimtragen kann, gerade mal neun Franken kostet. Die Kremierung im einfachen Sarg inklusive Taxi-Transport der Angehörigen ist sogar gratis. Also ein läppischer Betrag, verglichen mit der klassischen Beerdigung auf Gottes Acker, die locker auf 13 000 Franken zu stehen kommen kann, ohne Miete fürs Erdloch (ab 200 Franken pro Jahr), das einem erst noch nach 20 Jahren wieder genommen wird.

Freilich steigen auch die Kosten für Alternativbestattungen mit der Kreativität der Todgeweihten und Hinterbliebenen. LSD-Guru Timothy Leary und Star-Trek-Erfinder Gene Roddenberry wollten unbedingt im All beerdigt sein. Das kostete sie 7000 Franken für läppische sieben Gramm ihrer Asche, in lippenstiftkleine Urnen gehüllt. Dabei ist noch nicht einmal klar, wie lange sich der fliegende Lippenstift in der Umlaufbahn halten kann: zwischen 18 Monaten und zehn Jahren wird geschätzt, bevor er beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre wie eine Sternschnuppe verglüht.
Doch wer würde, wenn er seine eigene Bestattung inszenieren kann, schon Mittel und Kosten sparen? Gion Mathias Cavelty, der sich unbedingt von sieben Jungfrauen reinkarnieren lassen will, sucht heute schon nach entsprechenden Fräuleins. Doch Achtung: Wer sich auf seinem Handy (siehe Kasten) meldet, muss mit ziemlicher Sicherheit lange keusch bleiben. Der junge Mann ist erst 26 und bestens im Saft.

 

Was soll auf Ihrem Grabstein stehen?

Philipp Keel, Autor
schade

Gion Mathias Cavelty, Schriftsteller
Ich bin zum Glück im Besitz des Necronomicons von Abdul al-Hazred. Mit diesem Buch kann man Tote wieder zum Leben erwecken. Das Ritual hat in der ersten Vollmondnacht nach dem Begräbnis zu erfolgen. 7 nackte Jungfrauen müssen vor meinem Grab folgende Zeile (die auch in den Grabstein eingemeisselt sein wird) deklamieren: "IA! IA! ZI AZAK! CAVELTY ZI KUR! IA!", und flugs werde ich von den Toten wieder auferstehen. Jungfrauen können sich schon mal bei mir melden (079 611 12 87).

Frank Baumann, Strassenarbeiter
Anstelle eines Grabsteins soll man zu meinem Gedenken ein Fernsehgerät aufstellen, auf dessen Bildschirm zu lesen ist: "Entschuldigen Sie bitte die kurze Störung - es geht gleich weiter." Verteilt auf verschiedene BicMacs will ich in den Mägen der Trauergemeinde verschwinden, das ist wunderbares Recycling.

Uriella, Sprachrohr Gottes

"Beten und arbeiten bringt Segen, heiligt unsere Liebe auf allen Wegen" wünsche ich mir als Spruch für meinen Grabstein.
Wenn überhaupt, käme für mich nur eine einfache Erdbestattung in Frage, weil jeder Leichnam noch Spuren von Geist und Seele in den Blutbahnen sowie in den Drüsen enthält. Diese feinstofflichen Partikel sind für das Weiterleben im Jenseits absolut notwendig, denn alles ist bei unserem Schöpfer auf unsere Aufwärtsentwicklung ausgerichtet.

Sina, Sängerin
Die Grabinschrift soll lauten: "Ich sah die Sonne, ich spürte den Regen, und es war gut so." Als Zeremonie wünsche ich mir einen Umzug mit Lötschentaler Masken, wenig Worten und viel Musik. Ich will auf keinen Fall eine Grabrede. Jeder soll mich so in Erinnerung behalten, wie er mich erlebt hat.

Time To Sing Goodbye
"Candle In The Wind" von Elton John
Versüsst seit Elton Johns Auftritt an Lady Dianas Beerdigung allen das Trauern.
"My Way" von Frank Sinatra
Unbeugsam bis in den Tod mit dem grössten Crooner aller Zeiten.
"Offizium" von Jan Garbarek
Weh spricht: Vergeh!
"Time To Say Goodbye" von Andrea Bocelli & Sarah Brightman
Das Duett zu Ehren des Boxers Henry Maske ist die Trauerhymne schlechthin.
"My Heart Will Go On" von Céline Dion
So heldenhaft untergehen wie Leonardo DiCaprio in "Titanic".
"The Power Of Goodbye" von Madonna
Die Popdiva liegt auch an der Trauerfront voll im Trend.
"The Power Of Love" von Frankie Goes To Hollywood
Eine Mammutschnulze, die jedem Toten Unsterblichkeit verleiht.
"Made In Heaven" von Queen
Die Jahrhundertstimme trauert mit den Hinterbliebenen. Nicht als Jeremiade, sondern mit praller Lebenskraft.
"Je Ne Regrette Rien" von Edith Piaf
Mit dem trotzigen "Ich bedaure nichts" lassen sich nicht nur Nonkonformisten gerne begraben.
"Chariots Of Fire" von Vangelis
Auf dem Weg in die ewigen Jagdgründe begleiten den Verstorbenen schwülstige Synthesizerklänge.
"Tears In Heaven" von Eric Clapton
Claptons Trauersong für den verunfallten Sohn begleitet durch das Tal des Schmerzes.

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Quelle: SONNTAGS ZEITUNG 29/10/2000