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Seelsorge auf Mausklick

Gläubige suchen Besinnung nicht nur in der Kirche. Auch vor dem heimischen Monitor finden sie den Weg zu Gott.

Es war das erste Mal, dass der Zürcher Pfarrer Jakob Vetsch mit dem Teuflischen im Internet Kontakt aufnehmen wollte. Dabei geschah das Ungeheure: Der Bildschirm fror ein, der Computer stürzte ab. Der Gründer der Internet-Seelsorge liess von da an die Finger von satanischen Sites.

Antichristliche Bruder- und esoterische Schwesternschaften, Religionskritiker und -verspotter, Sekten und Fundamentalisten sind im Internet seit seinen Anfängen vertreten. Die offiziellen Kirchen sind hingegen erst seit rund zwei Jahren daran, in das neue Medium vorzustossen.

Für Jakob Vetsch stand bereits 1995 fest, dass landeskirchliche Positionen auch im Internet vertreten sein müssten. In der Folge öffnete er einen christlichen Hafen für deutschsprachige Surferinnen und Surfer in Seenot: das «Seelsorge-Net». Inzwischen wird dort in mehreren Sprachen Trost gespendet und Unterstützung gegeben. «Jede Woche», sagt Vetsch, «kommen drei bis vier Personen neu zu uns.» Beraten werden sie von zehn evangelischen und katholischen Theologinnen und Theologen.

Neuerdings spricht das Seelsorge-Net gezielt Trauernde an. «Damit wollen wir eine Alternative zu den kommerziellen virtuellen Friedhöfen bieten», sagt Vetsch. Und seit einem Vierteljahr organisiert der gebürtige Ostschweizer in seiner Zürcher Kirchgemeinde Matthäus sogar Internet-Kurse - mit Unterstützung der Kirchenpflege.

Von der Gesamtkirche würde sich Vetsch aber noch mehr Engagement wünschen: «Es wäre schade, in dieser Sache zu langsam weiterzugehen. Andere schlafen auch nicht.» Konkret spricht Vetsch damit Freikirchen und evangelikale Bewegungen an. Diese haben sich im Internet bereits einen festen Platz gesichert. Auch von der Schweiz aus.

Die missionierende ICF-Kirche in Zürich beispielsweise gibt sich im Internet betont jugendlich und dynamisch: Links wie «Fun 'n' Freetime», «Youth Planet» und «Parties» könnten auch auf der MTV-Site stehen. Die evangelikale «Game over»-Page begrüsst uns mit der Frage: «Wanna play a game?» Weiter unten wird «Jesus live» versprochen. Und auf der deutschen Site der missionierenden «Jesus Freaks» ist «Fun» oberstes Motto. Real-Audio-Files, Forum und Chatroom stehen bereit. Und um das «Bekehrungszimmer» attraktiver zu machen, wurde es dreidimensional gestaltet.

Gegenüber diesen multimedialen Attacken auf die Seele erscheinen die offiziellen Internet-Sites der Landeskirchen geradezu aufklärerisch. «Es ist nicht unsere Absicht, Mitgliederwerbung und Bekehrung im Internet zu betreiben», sagt Ueli Sonderegger, Webmaster der evangelisch-reformierten Site ref.ch. Sonderegger gibt aber zu, dass ein ansprechendes Jugendangebot fehlt - Grund sei der allgemeine Geldmangel. Bei ref.ch steht auch zur Diskussion, gewisse Angebote im Internet sponsern zu lassen. Die Freikirchen tun das schon seit einiger Zeit.

200 bis 300 Besucher pro Tag studieren die offiziellen Internet-Seiten der evangelisch-reformierten Kirchen. Das Zielpublikum seien, sagt Sonderegger, aktive, engagierte Christen. Aber auch Journalisten, die die täglich aufbereiteten News des Evangelischen Pressedienstes nutzen.

Der Webmaster des katholischen Pendants kath.ch, Thomas Binotto, verzeichnet um die 10 000 Nutzer pro Monat. Auch kath.ch will nicht missionieren. «Wichtig», sagt Binotto, «ist uns die Vernetzung der kirchlichen Organisationen.» Binotto betont, die Site sei nicht nur ein Sprachrohr der Bischöfe: «Wir wollen zeigen, wie weit «katholische Kirche» sein kann.»

Verlinkt ist die Site der Schweizer Katholiken natürlich auch mit dem Vatikan. Der Heilige Stuhl unterhält bereits seit 1995 eine ansprechende Homepage. Interaktivität ist dort aber nicht vorgesehen: E-Mail-Adressen fehlen ganz. «Alle Wege führen zum Vatikan», kommentiert Binotto, «aber keiner hinaus.»

Gegenpol zur Papstsite bildet das Secular Web bei www.infidels.org. Atheisten und Skeptiker finden hier Hunderte von Links. Darunter auch zum «God Simulator»: für alle, die selber mal Gott spielen wollen.Robert Zimmermann

Würdenträger

Amedée Grab, der neue Bischof von Chur, und der Heilige Vater, Johannes Paul II., sind im Internet präsent.

Virtueller Besuch

Gläubige Katholiken müssen nicht mehr in den Vatikan reisen. Der Heilige Stuhl ist auch unter www.vatican.va erreichbar.

++ kirchen im internet

Seelsorge · www.seelsorge.net

Kirchen in der Schweiz · www.kirchen.ch

Landeskirchen · www.kath.ch, www.ref.ch

Jüdische Gemeinde · www.juden.ch

Vatikan · www.vatican.va

Kirchenjugend · www.jubla.ch, www.cevi.ch

Frauenkloster · www.kath.ch/wurmsbach

Kapuziner · www.kapuziner.de

Kirchenmusik · cmo.com

Sekteninfo · www.ref.ch/zh/infoksr/

Secular Web · www.infidels.org

© Facts; 1998-06-18; Seite 126; Nummer 25