Wenn Kinder trauern, sind Erwachsene oft hilflos. Der «Brückenbauer» gibt Anregungen, wie mit dieser schwierigen Situation umgegangen werden kann.

Heute Morgen hat Michi erfahren, dass seine über alles geliebte Grossmutter,
mit der er immer so viele spannende Dinge unternommen hat, plötzlich gestorben
ist. Nun sitzt er auf seinem Bett und starrt ins Leere, während seine Hände
immer und immer wieder über den Schal streicheln, den sie ihm zu seinem
neunten Geburtstag geschenkt hat.
Erst Stunden später verlässt er sein Zimmer und geht nach draussen in den Garten. Dort setzt er sich auf das Steinmäuerchen, auf dem er so oft zusammen mit der Grossmutter gesessen hatte und - weint. Michis Mutter versucht ihren Sohn zu trösten, so gut es geht. Doch die richtigen Worte wollen ihr einfach nicht in den Sinn kommen. Zu gross ist der eigene Schmerz.
Eltern und Erwachsene fühlen sich oft hilflos, wenn sie mit trauernden Kindern konfrontiert sind. Sie reden sich sogar ein, dass Kinder leicht abzulenken sind, schnell vergessen und dass man ihnen die Trauer auch ausreden kann.
Dem ist nicht so. Kinder trauern anders als Erwachsene. Vor allem aber weinen sie nicht immer dann, wenn es von ihnen «erwartet» wird. Das heisst: Sie wollen in den Momenten traurig sein dürfen, die sie für richtig halten.
Kindliche Trauer ist sprunghaft und stösst bei «unaufgeklärten» Menschen nicht immer auf Verständnis. Kinder haben auch in jeder Altersphase andere Vorstellungen vom Tod und definieren ihn anders (siehe Kasten «So reagieren Kinder»). «Darum ist es besonders wichtig», sagt Ursi Arpagaus, Katechetin im aargauischen Rudolfstetten, «dass man sich mit dem Thema ÐSterben, Tod und kindliche Trauerð frühzeitig auseinandersetzt, und nicht erst dann, wenn es einen unverhofft trifft.»
«Wer Kindern vom Tod erzählen will und sie in ihrer Trauer unterstützen möchte, muss selber trauern können», meint Ursi Arpagaus. Vielen Eltern und Erwachsenen fehle jedoch der Mut dazu. Eltern möchten ihre Kinder vor traurigen Gefühlen schützen und merken dabei nicht, dass sie mit ihrem versteckten Kummer unglaubwürdig wirken.
Kinder spüren sehr genau, was um sie herum geschieht. Gleichgültig, ob sie bereits begreifen können, was «endgültig» bedeutet: Sie werden den Verlust und die Trauer realisieren. Der Verlust eines Menschen wird von jedem Kind anders wahrgenommen. Hierbei spielt neben dem Alter vor allem die Beziehung zur verstorbenen Person eine zentrale Rolle.
Entscheidend sind auch die Umstände, wie jemand gestorben ist. Oder anders ausgedrückt: Es ist etwas anderes, wenn ein alter Mensch stirbt, der schon lange Zeit schwach und krank war, oder der Tod einen Menschen mitten aus dem aktiven Leben reisst.
Wie man mit Kindern trauern kann, damit sie das Endgültige besser verstehen und verarbeiten können, dazu hat sich Ursi Arpagaus für den «Brückenbauer» ein paar Gedanken gemacht (siehe «Hilfe für Eltern»).
Minca Huber
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So reagieren Kinder Neun Monate bis ein Jahr: Ist ein Kleinkind in dieser Zeit mit einem Verlust konfrontiert, erfährt es ihn durch die traurige Stimmung und die Gefühle der Eltern. Ein bis zweieinhalb Jahre: Die Beobachtungen von belebt/unbelebt werden auf Pflanzen und Tiere ausgedehnt und weiter differenziert. Tod sein wird als Analogie zu Schlafen, Trennung oder Reise empfunden. Die Redewendung «Er ist entschlafen» kann deshalb bei Kindern Ängste vor dem Einschlafen auslösen. Zweieinhalb bis drei Jahre: Kinder können die Endgültigkeit des Todes noch nicht erfassen. In Rollenspielen, wenn sie etwa einen Verkehrsunfall inszenieren, sagen sie in diesem Alter häufig; «Du bist jetzt schnell tot und dann aber gleich wieder lebendig.» Dreijährige Kinder, die den Verlust einer engen Bezugsperson erleben, haben manchmal bereits klare Vorstellungen vom Tod. Drei bis fünf Jahre: In dieser Lebensphase heisst tot sein für die Kinder reduziertes Leben. Die Todesursache suchen sie vorwiegend in äusseren Faktoren wie Unfall und Gewalt. Körperliche Krankheiten werden noch nicht als Todesursache erkannt. Fünf bis acht Jahre: In diesem Zeitraum erfasst das Kind den Tod zuweilen als etwas Endgültiges. Manchmal wird der Tod personifiziert. Es besteht auch die Vorstellung, dass die Verstorbenen wieder zurückkommen. Ab neun Jahren: Ab diesem Alter verfügen die meisten Kinder (wenn sie gesund sind) über eine genaue Vorstellung von der Endgültigkeit des Todes. |
Hilfe für Eltern
Trauer
Trauer ist wichtig, auch wenn sie schmerzvoll ist. Trauernde Kinder brauchen
deshalb viel Zuwendung und Anteilnahme.
Nicht nur die Trauer um eine enge Vertrauensperson, sondern auch die Trauer um ein verstorbenes Haustier soll ernst genommen werden.
Begräbnis
- Kinder sollen selber entscheiden dürfen, ob sie am Begräbnis teilnehmen
wollen.
- Wichtig ist, dass Kinder auf das Begräbnis vorbereitet werden. Erklären
Sie genau, was sich dort abspielt. Erzählen Sie auch, dass an Beerdigungen
oft geweint wird und dass auch die Kinder weinen dürfen.
- Erklären Sie auch, dass es verschiedene Beerdigungsrituale gibt und dass
man den Leichnam mancherorts vor der Bestattung sehen kann, um sich zu verabschieden.
Schliesslich ist es eine Frage des Einfühlens in das Kind, ob ihm das zugemutet
werden kann oder nicht.
- Schwarz ist die Farbe der Trauer. Kinder sollten das wissen.
- Informieren Sie den Pfarrer/die Pfarrerin, wenn Kinder an der Beerdigung teilnehmen.
Rituale
Die meisten Kinder denken oft noch lange an die Verstorbenen. Deshalb sind Rituale wichtig:
- liebevoll über die verstorbene Person sprechen
- ein Liedchen singen, das an fröhliche Zeiten erinnert
- Erinnerungsgegenstände nicht wegschliessen
- eine Kerze zum Gedenken anzünden
- das Grab besuchen und Blumen giessen
- gute Gedanken zu jeder Tageszeit
- ins Nachtgebet einschliessen
Gut zu lesen
«Mit
Kindern trauern» von Gertraud Finger, Kreuz-Verlag.
«Matti
und der Grossvater» von Roberto Piumini und Quint Buchholz, Kinderbuch,
erschienen im Carl-Hanser-Verlag.
Telefonhilfe für Kids und Jugendliche
Brückenbauer Nr. 43, 26.10.1999 - Quelldatei